Le Mans 24 Stunden: Wie das härteste Rennen entstand

Langstreckenprototyp bei Nacht mit Scheinwerferkegel und glühenden Bremsscheiben auf nasser Strecke

Am 26. Mai 1923 um 16 Uhr fiel südlich von Le Mans der Startschuss für eine Veranstaltung, die eigentlich gar kein Rennen sein wollte. 33 Wagen gingen auf die Landstraßen des Départements Sarthe, und die Idee dahinter war nüchtern: Hersteller sollten beweisen, dass ihre Serienautos einen Tag und eine Nacht am Stück durchhalten, mit Licht, mit Kotflügeln, mit allem, was ein Kunde auch bekommt. Aus diesem Dauertest ist das Rennen geworden, an dem sich bis heute jede Langstreckenkarriere misst.

Drei Männer und eine Zuverlässigkeitsprüfung

Hinter der Gründung stehen Georges Durand vom Automobile Club de l’Ouest, der Motorjournalist Charles Faroux und Emile Coquille, der in Frankreich die Speichenräder von Rudge-Whitworth vertrat. Ihr Problem war ein sportliches Vakuum: Grand-Prix-Rennen waren reine Sprints für Rennwagen, mit dem Auto vor der Haustür hatten sie nichts zu tun. Ein Wettbewerb über 24 Stunden dagegen prüfte genau das, was Käufer interessierte: Motor, Bremsen, Beleuchtung, Federung.

Deshalb hieß der Preis auch Coupe Rudge-Whitworth und wurde nicht nach einem Rennen vergeben, sondern über drei aufeinanderfolgende Jahre. Wer 1923 die größte Distanz zurücklegte, hatte gewonnen, aber die eigentliche Trophäe blieb erst einmal offen. Die Zuschauer hielten sich damit nicht lange auf. Für sie war der Wagen vorn der Sieger, und die Presse machte es genauso.

André Lagache und René Léonard fuhren im ersten Jahr auf einem Chenard & Walcker gut 2.200 Kilometer zusammen. Es regnete, die Straßen waren teilweise geschottert, Steinschlag zerlegte Scheinwerfer und Kühler. Genau diese Bilder haben den Ruf des Rennens begründet, lange bevor jemand von Prototypen sprach.

Ein Kurs, der 51 Wochen im Jahr Landstraße ist

Der Circuit de la Sarthe ist kein Autodrom. Er besteht bis heute größtenteils aus öffentlichen Straßen, die nur für Test, Training und Rennen gesperrt werden. Rund 13,6 Kilometer misst die aktuelle Variante, und wer im Sommer ohne Rennwochenende dort entlangfährt, steht an Ampeln, an Kreisverkehren und hinter Traktoren.

Die berühmten Namen sind Ortsbezeichnungen, keine Marketingerfindungen: die Dunlop-Brücke gleich nach Start und Ziel, Tertre Rouge als Einfahrt in die lange Gerade, die Ligne Droite des Hunaudières, die alle Welt Mulsanne-Gerade nennt, dann Mulsanne selbst, Arnage und zum Schluss die Porsche-Kurven, die schnell, blind und unversöhnlich sind.

Der Mix aus Hochgeschwindigkeit und Landstraßenbelag erklärt, warum Le-Mans-Autos anders ausgelegt sind als Fahrzeuge für kurze Kurse: wenig Luftwiderstand, weiche Federung für die Bodenwellen, große Tanks, schnelle Fahrerwechsel.

Warum die Nacht das eigentliche Rennen ist

Zwischen etwa 22 Uhr und 6 Uhr entscheidet sich in Le Mans traditionell mehr als am ganzen Nachmittag. Die Streckentemperatur fällt, die Reifen arbeiten anders, und über weite Teile der Runde gibt es keine Streckenbeleuchtung. Ein Prototyp fährt mit über 300 km/h in einen Lichtkegel hinein, während gleichzeitig deutlich langsamere GT-Fahrzeuge auf derselben Ideallinie unterwegs sind.

Dazu kommt der Nebel, der aus den Wiesen rund um Arnage steigt und die Sicht innerhalb weniger Runden zusammenfallen lässt. Wer nachts zwei Sekunden pro Runde gutmacht, ist im Zweifel morgens der Sieger. Wer nachts einen Fahrfehler macht, ist raus, weil eine ernsthafte Reparatur an einem 24-Stunden-Auto selten unter einer halben Stunde bleibt.

Nebel über einer Landstraßen-Rennstrecke im Morgengrauen mit vorbeifahrendem Rennwagen
Der Nebel aus den Wiesen rund um Arnage kann die Sicht innerhalb weniger Runden zusammenfallen lassen.

1955: der Tag, der den Motorsport verändert hat

Am 11. Juni 1955 kam es vor der Boxengasse zur schwersten Katastrophe der Motorsportgeschichte. Pierre Levegh fuhr mit dem Mercedes-Benz 300 SLR auf ein langsameres Fahrzeug auf, der Wagen hob ab und zerlegte sich an der Böschung vor den Zuschauern. Mehr als 80 Menschen starben, Levegh eingeschlossen.

Das Rennen wurde nicht abgebrochen, weil die Organisatoren die Zufahrtsstraßen für die Rettungsfahrzeuge freihalten wollten. Mercedes zog seine verbliebenen Wagen in der Nacht zurück und stellte den Werkseinsatz im Rennsport für Jahrzehnte ein. In der Schweiz führte das Unglück zu einem Verbot von Rundstreckenrennen, das über ein halbes Jahrhundert Bestand hatte.

Für Le Mans selbst begann danach der lange Umbau: breitere Fahrbahn im Start-Ziel-Bereich, eine von der Strecke getrennte Boxengasse, Erdwälle und Leitplanken statt Strohballen. Vieles, was heute als selbstverständlicher Sicherheitsstandard gilt, hat seinen Ursprung in den Konsequenzen aus diesem Nachmittag.

Vom Sprint über die Straße zum Rollstart

Jahrzehntelang war das Bild vom Le-Mans-Start das Markenzeichen des Rennens: Die Fahrer standen den Autos gegenüber, rannten beim Signal quer über die Fahrbahn, sprangen hinein und fuhren los. Angeschnallt wurde unterwegs, wenn überhaupt.

1969 ging Jacky Ickx zum Start demonstrativ im Schritttempo über die Strecke, schnallte sich in Ruhe an und startete als Letzter. Er gewann das Rennen am Ende mit knappem Vorsprung. Die Aktion war ein Protest gegen ein Verfahren, das Fahrer dazu erzog, unangeschnallt loszufahren. 1970 standen die Fahrer bereits angeschnallt in ihren Autos, ab 1971 wurde rollend gestartet.

Ford gegen Ferrari, Porsche gegen alle

Ferrari dominierte die erste Hälfte der 1960er Jahre. Nachdem der Verkauf von Ferrari an Ford geplatzt war, baute Ford den GT40 und gewann 1966 mit einem Dreifachsieg. Die Rangfolge im Ziel war eine eigene Geschichte: Bruce McLaren und Chris Amon wurden als Sieger gewertet, Ken Miles und Denny Hulme Zweite, weil das Reglement bei einer inszenierten Zieleinfahrt die zurückgelegte Distanz zählte und Miles von weiter vorn gestartet war.

Porsche holte den ersten Gesamtsieg 1970 mit dem 917 KH, gefahren von Hans Herrmann und Richard Attwood. Danach wurde Le Mans zum Porsche-Revier: Mit 19 Gesamtsiegen führt die Marke die Statistik bis heute an, Audi folgt mit 13. Unter den Fahrern hält Tom Kristensen mit neun Siegen den Rekord, Jacky Ickx kommt auf sechs.

Gruppe C, 400 km/h und zwei Schikanen

Die Gruppe-C-Ära von 1982 bis 1993 gilt vielen Fans als die beste Zeit des Rennens. Verbrauchsbegrenzung statt Hubraumformel, wilde Aerodynamik, Porsche 956 und 962 gegen Jaguar, Sauber-Mercedes, Nissan und Toyota. Gleichzeitig wurden die Geschwindigkeiten auf der Hunaudières-Geraden zum Problem: 1988 wurde für den WM Peugeot P88 mit Roger Dorchy eine Spitze von 405 km/h gemessen.

1990 baute der Veranstalter zwei Schikanen in die Gerade ein, um die Vollgasabschnitte auf jeweils unter zwei Kilometer zu bringen. Der Charakter der Strecke änderte sich damit deutlich, die Bremspunkte kamen dazu, an denen heute Positionen entstehen und Bremsen sterben.

Boxenstopp bei Nacht, Mechaniker wechseln Reifen unter grellem Kunstlicht
Fahrerwechsel und Boxenstopps entscheiden über Minuten, die auf der Strecke kaum aufzuholen sind.

Technik, die von Le Mans in die Serie gewandert ist

Der ursprüngliche Gedanke von 1923 hat sich zäher gehalten, als man denkt. Mazda gewann 1991 mit dem 787B als bislang einziger japanischer Hersteller mit Wankelmotor. Audi holte 2006 mit dem R10 TDI den ersten Gesamtsieg für einen Dieselmotor, 2012 mit dem R18 e-tron quattro den ersten für ein Hybridfahrzeug. Seit 2021 fährt die Spitzenklasse unter dem Hypercar-Reglement, das ab 2023 mit der amerikanischen LMDh-Formel zusammengeführt wurde und deshalb wieder Ferrari, Porsche, Cadillac, BMW, Peugeot und Toyota an denselben Start bringt. Zum hundertsten Jubiläum 2023 gewann Ferrari mit dem 499P das erste Mal seit 1965 wieder die Gesamtwertung.

Scheinwerfertechnik, Bremsbeläge, Direkteinspritzung, Energierückgewinnung: Le Mans war für all das ein Prüfstand, der Bauteile in 24 Stunden so belastet wie ein Kundenauto in Jahren. Genau deshalb schicken Hersteller ihre Entwicklungsingenieure dorthin und nicht nur ihre Marketingabteilung.

Was 24 Stunden mit den Fahrern machen

Ein Team besteht heute aus drei Fahrern. Die ACO-Regeln begrenzen, wie lange jeder davon am Stück und insgesamt fahren darf, damit niemand die halbe Nacht durchprügelt. Ein Stint dauert typischerweise so lange, wie der Tank reicht, oft folgen zwei oder drei Stints hintereinander mit demselben Fahrer, weil das Zeit spart.

Dazwischen liegen keine erholsamen Pausen, sondern eine Stunde in einer lauten Box, mit Essen, Physio und dem Versuch zu schlafen, während nebenan Schlagschrauber laufen. Wer morgens um vier ins Auto steigt, hat den Körper gegen sich, nicht die Konkurrenz. Fahrfehler in dieser Phase sehen im Video langsam aus und kosten trotzdem das Rennen.

Seit 2014 arbeitet die Rennleitung mit sogenannten Slow Zones, in denen bei Unfällen nur der betroffene Streckenabschnitt auf 80 km/h begrenzt wird, statt das ganze Feld hinter dem Safety Car zusammenzuschieben. Das hält den Rest der Runde im Renntempo und ist einer der Gründe, warum Vorsprünge in Le Mans heute seltener künstlich eingedampft werden.

Warum diese Bilder an der Wand funktionieren

Le Mans hat eine eigene Bildsprache: glühende Bremsscheiben in der Dunkelheit, Lichtkegel unter der Dunlop-Brücke, Regenreflexe auf dem Asphalt vor Arnage. Das sind Motive, die auch losgelöst vom Ergebnis funktionieren, weil sie Zeit und Anstrengung zeigen und nicht nur ein Auto. In der Garage oder im Büro wirkt so ein Nachtmotiv auf großformatigem Alu-Dibond deutlich stärker als eine ausgeleuchtete Studioaufnahme, weil der Kontrast das Licht der Szene trägt.

Wenn du selbst hinfährst: Das Rennen startet traditionell samstags um 16 Uhr, und die Haupttribüne ist der am wenigsten interessante Platz. Geh in der ersten Nacht zu den Porsche-Kurven oder an die Ausfahrt von Tertre Rouge. Dort hörst du, welcher Fahrer das Auto trägt und welcher nur noch abliefert, und dort siehst du auch, wie schmal die Straße wirklich ist, auf der 1923 die ersten 33 Wagen losgefahren sind.

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